Der mediterrane Höflichkeitsflirt

Ich grinse meinen Lieblingsgemüsehändler an und drücke ihm die riesige, bumerangförmige Gurke in die Hand, aus der mein Freund Smoothies machen wird. Gemüse, gerade längliches, lädt ja grundsätzlich zu Kalauern ein. Auf nicht besonders niveauvolle Art wird deswegen von uns beiden die Form ebenjener Gurke beredet. Die Verfänglichkeiten, die wir da austauschen, sind natürlich Humbug. Ich werde sie hier aus pietätsgründen trotzdem nicht wiederholen. Immerhin liest meine Mama diesen Blog.

Während ich also dastehe und nicht besonders smooth über Gemüse rede, kommt mir der Gedanke, dass das für uneingeweihte illoyal wirken könnte.

Ich bin gerne nett zu Leuten. Wenn sich jemand über meine Anwesenheit freut, dann ist das schön. Wenn diese Freundlichkeit in herumschäkern umschlägt, ist das ein Nuancenspiel und sollte durchaus nicht als Einladung zu Bunga-Bunga angesehen werden. Oft halte ich direkten Augenkontakt mit Leuten, die mir etwas verkaufen. Das ist nicht geschlechtsspezifisch und nicht immer attraktivitätsgebunden. Ich nenne das den mediterranen Höflichkeitsflirt. Viele meiner Freundinnen und einige meiner Freunde sind darin auch bravourös. Eine Freundin von mir beherrscht sogar enorm viel Smalltalk auf unterschiedlichen Landessprachen, von dem ich vermute, dass sie ihn nur zu diesem Zweck einsetzt. Nicht nur deswegen praktisch, weil man ab und an Gemüse oder Tee geschenkt bekommt, sondern auch etwas, was den Alltag einfach für alle netter macht.

Kann man allerdings auch anders sehen. Der Exmann einer Freundin von mir war derartig eifersüchtig, dass er ihr verbieten wollte, sich mit Händlern anzufreunden. Glücklicherweise hat sie dies nicht getan. Sonst hätten wir sicher nur die zweitbesten Karotten von ihrem Lieblingsgemüsemann gekriegt.

In mediterranen Ländern wird das ganze übrigens oft weniger eng gesehen. Und ich könnte mir vorstellen, dass das daran liegt, dass hierzulande flirten sofort zu mehr führen muss. Jemandem ein Kompliment zu machen grenzt ja schon an eine Liebeserklärung. Schade. (An dieser Stelle sei geklärt: ein Kompliment ist nicht, wenn jemand einem Respektlosigkeiten zuruft. Ich hab noch nie so ganz verstanden, warum man das überhaupt erklären muss.)

Mein Baby „flirtet“ natürlich auch schon. Weswegen jeder ihr wohlgesonnen ist. Sogar Griesgrame können ihrem zahnlosen Lächeln nicht widerstehen. Durchaus ein evolutionärer Vorteil.

„Was gibt es heute zu essen?“ fragt mein Liebster. „Zucchini-Porreesuppe.“ antworte ich. Vielleicht sollte ich mich mit dem kochen beeilen. Er ist schon mies drauf vor Hunger. Ich drücke ihm seine Tochter in die Hände und fange an. Erstmal muss ich den Topf abspülen und die Raptexte, die auf dem Tisch liegen beiseite fegen. Und als ich gerade anfangen will, Gemüse zuzubereiten, ruft mich Baby, weil sie noch mehr Hunger hat als ihr Papa. Der ist allerdings wieder blendend gelaunt. Er sitzt verschmitzt lächelnd vorm Computer. „Huch, du bist ja das reinste Honigkuchenpferd. Was ist passiert?“ frage ich neugierig. „Ach, ein Mädchen, was ich neulich beim Radfahren getroffen habe, hat mich auf einen Kaffee eingeladen, bei Facebook. Schöner Egoboost.“ Aha. Hrmpf. Ich verziehe mich wieder in die in die Küche. Er kommt nach. „Oh, dass ist aber eine große Gurke! Und eine Riesenzucchini!“ erklärt er dem Baby.

„Das war eine Riesenzucchini.“ bemerke ich trocken, während ich sie zerhacke um sie dann genüsslich zu pürieren.

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