Wie du einen Mann hältst

Meine Oma war mich besuchen. Mein Opa auch, aber der saß in der Wohnung, während Oma, Baby und ich einkaufen waren. Ich habe ihm „The Circle“ in die Hand gedrückt, weil er behauptete, es gäbe keine guten Science Fiction mehr. „Ah, Google übernimmt die Weltherrschaft?“ fragt er mich belustigt. Nicht schlecht. Quer lesen kann er. Und das mit über achtzig!

Oma mag meinen Freund. Das erkenne ich unschwer an der Art, wie sie mir Ratschläge gibt. Meine Garderobe soll ich seinem Geschmack anpassen- „Sonst sucht er sich eine andere.“ Ich versuche ihr ganz feministisch zu erklären, warum ich das anziehe, was ich gut finde und nicht, was er gut findet. Leider stimmt das nicht. Wenn er bei einer Klamotte von mir die Nase kraus zieht, sortiere ich sie auch nicht direkt aus, aber ich entscheide mich morgens einfach nicht mehr dazu sie anzuziehen. So meine weiße Bluse, bei der er das Wort Klosterschülerin gemurmelt hat. Und nicht auf eine nette kinky-Art. Jedes Mal, wenn ich sie anziehen will, kommt dieses Wort und jagt mich vor den Spiegel, bis ich etwas anderes anhabe. Ich rasiere mir auch die Beine. Nicht, weil er Beinhaare hässlich findet, aber leider auch nicht, weil sie mich selbst stören, sondern weil er mir immer die Beine streichelt, wenn sie glatt sind. Ob er mich wohl absichtlich dressiert?

Nun, er ist Erzieher. Und Hundebesitzer.

Meine Oma gibt mir weiter Ratschläge. Alle möglichen, manche sogar ganz gute. So ist sie eben. Nützlicher Tipp: Mangold passt zu Pfifferlingen. Sie gibt mir aber auch Tipps zum abnehmen, immer mit Verweis darauf, wie sie es selber macht. Auch hier weiß ich nicht, ob ich ihr lieber erzählen soll, dass ich gar nicht abnehmen will sondern mich so, wie ich bin gut finde oder ihr irgendwie taktvoll beibringen kann, dass ihr Taillenumfang etwa meiner Torsolänge entspricht. Meiner Tochter wird glücklicherweise noch zu ihrem gesunden Körper gratuliert. Obwohl ich neulich eine Begegnung der dritten Art mit einer Frau hatte, die mich nach dem Geschlecht meines Babys fragte. Ich erzählte ihr (beim stillen) das es sich um ein kleines Mädchen handelt, woraufhin sie mit besorgter Miene anmerkte: „Na hoffentlich wird sie nicht zu groß.“ „Wieso zu groß?“ fragte ich beknackterweise nach. Hätte mir ja denken können, wie die Antwort wird. „Das mögen die Männer nicht besonders.“ Oh. Das denk ich auch immer, wenn ich ein drei Monate altes Baby sehe. Bekommt die später auch einen Mann ab? „Also, wenn jemandem meine Tochter zu groß ist, dann hat er sie nicht verdient.“ versicherte ich ihr empört.

Danach saßen wir noch in unangenehmer Stille weitere 15 Minuten nebeneinander. So etwas würde zum Beispiel meine Oma nicht machen. Bei ihr sind Babys einfach Babys. Im Gegensatz zu Männern. Die sind manchmal Frauen, wie sie mir erklärt. Der Freund von dem Schwager meiner Tante, dem würde man anmerken, dass er die Frau ist in der Beziehung. Weil er auch seinem Freund sagt, dass er drauf achten soll, was er isst. Sie macht seine hohe Stimme nach. Wohlwollend natürlich.
Das ist eben eine andere Generation, denke ich. Jemand in meinem Alter würde sowas nicht sagen. Da sehe ich, wie sich eine Frau in meinem Alter gegenüber am Dollar-Kiosk eine Bildzeitung kauft.

Meine Oma schwärmt weiter über den hübschen, netten schwulen Typen und ich denke, dass sie eigentlich doch recht offen ist, für ihr Alter. Meine Oma ist ne ganz patente Frau.

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